Wilde Füchsin verführt den braven Förster

Wenn Kinder und Tiere auf der Bühne sind, können die Erwachsenen eigentlich einpacken, heißt es. In der Märchenoper „Das schlaue Füchslein“ von Leoš Janácek sind sowohl eine singende Kinderschar als auch ein echter Fuchs involviert. Doch der amerikanischen Sopranistin Vanessa Goikoetxea kann auch die geballte Niedlichkeit nichts anhaben. Mit bravourösem, expressivem Spiel und einer einmalig schönen Stimme erobert die charismatische Sängerin in der Rolle der schönen Füchsin Schlaukopf sofort ihr Publikum im Sturm. Regisseur Frank Hilbrich erzählt die Geschichte vom braven Förster (Sergei Leiferkus) und der Füchsin vor allem als eine leidenschaftliche „Amor fou“, zum Scheitern verurteilt. Das Bühnenbild (Volker Thiele) ist nüchtern und karg, statt naturnah märchenhaft, wie mancher im Publikum vielleicht erwartet hätte. Auch geht es mitunter recht derb zu, beispielsweise wenn der als Hühnerhaufen auftretende Frauenchor von der Füchsin massakriert wird. Das mindert jedoch nicht die Kraft der Bilder, die durch fantasievolle Kostüme (Gabriele Rupprecht) und das eindrucksvolle Spiel der Protagonisten den Zuschauern in die Köpfe gepflanzt wird. Noch lange nach der Vorstellung hält die Erinnerung an die wilde, schöne Füchsin, der der Förster verfallen ist, an.

Musikalisch ließ die Staatskapelle unter Leitung von Tomáš Netopil manche Wünsche offen – zumindest in der Vorstellung, in der ich anwesend war.

Fazit: Kraftvoll, kurzweilig und griffig: Eine Parabel, die für Erwachsene und an Musiktheater herangeführte Kinder gleichermaßen unterhaltsam ist.

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Bitterböser Liebeshorror in zuckersüßen Farben

„So machen´s alle Frauen – Cosí fan tutte“ resümiert zynisch Don Alfonso (Georg Zeppenfeld) am Ende des gleichnamigen „Dramma giocoso“ von Wolfgang Amadeus Mozart. Das Werk feierte in der Semperoper unter der Regie von Andreas Kriegenburg Premiere. Untreue, Verführung und Eifersucht sind die Zutaten für Mozarts Sex- und Beziehungsfarce. Und auch, wenn die Musik ein zartes Gespinst feinster Melodien im Mozartstil ist, die Story ist wirklich böse: Um die Treue ihrer Frauen zu testen, geben Ferrand und Guglielmo vor, in den Krieg zu müssen. Während ihrer scheinbaren Abwesenheit nähern sie sich den Damen in Verkleidung, um deren Treue zu prüfen. Die verhalten sich zunächst abwehrend und brav. Doch dann mischt auch noch Zofe Despina mit, um die Frauen rumzukriegen. Derart ausgefeilten Verführungskünsten ausgeliefert kippt die Stimmung bei Dorabella und Fiordiligi auch prompt und sie geben sich den beiden Neuen hin. Als die Maskerade zum Schluss aufgedeckt wird, bleibt bei allen Beteiligten zumindest ein bitterer Nachgeschmack.

Zugegeben: Die Inszenierung in der Semperoper ist schön anzusehen. Die Kostüme lassen die Darsteller ein bisschen wie Marionetten in einem zynischen Gesellschaftsspiel wirken. Zuckersüße Farben, puppenhafte Frisuren (Kostüme: Andrea Schraad) und ein sich drehendes und kippendes Bühnenrund als Spielfläche (Bühnenbild: Harald Thor) geben den Zuschauern immer neue Einsichten in das Liebeskarussel. Mir fehlte ein bisschen die Tiefe und Abgründigkeit dieses Liebeshorrors, in dem es keine Gewinner gibt. Zu süßlich und niedlich kommen mir die Figuren daher.

Stimmlich überzeugte vor allem Rachel Willis-Sørensens (Fiordiligi) warmer, perlender Sopran und Christopher Tiesis (Ferrando) strahlender Tenor. Hinreißend! Auch die darstellerische Überzeugungskraft von Ute Selig (Despina) war ein Genuss. Die Staatskapelle unter Omer Meir Wellber hatte mit musikalischen „Anlaufschwierigkeiten“ zu kämpfen und erreichte Mozarts Leichtigkeit und Mühelosigkeit erst später.

Fazit: Wer schöne Musik zu schönen Bildern geniessen möchte, kommt auf seine Kosten.

Und Puccini nervt…

Wir wissen es alle: Komponist Giacomo Puccini quält seine Heldinnen. „Butterfly“ bringt sich um, „Tosca“ stürzt sich von der Engelsburg, Mimi aus „La Bohéme“ verröchelt an Schwindsucht. Jetzt war „Manon Lescaut“ dran. Die Arme. Nur, weil sie einen jungen, hübschen Liebhaber hat, wird sie in die Verbannung geschickt. In der Wüste verdurstet sie elend in den Armen ihres treuen Lovers. In der Semperoper hob sich jetzt der Premierenvorhang für die Puccini-Oper „Manon Lescaut“.

Regisseur Stefan Herheim lässt das Drama vor der Baustelle zur Freiheitsstatue spielen (Bühnenbild: Heike Scheele). Kupfern glänzt der Kopf von Miss Liberty. Geschäftig sind die Arbeiter auf Gerüsten unterwegs. Die „feine Gesellschaft“ taucht in grünspan-blassen Kostümen auf, die an Barock erinnern (Kostüme: Gesine Völlm). So weit, so gut. Aber dann stört ein pantomimisch agierender Herr mit Melone immer wieder die Handlung, verteilt Textblätter und Skripte. Achso, das soll also Herr Puccini sein, der seine Figuren in immer neue Seelenqualen stürzt. Nun, das kann man sicher machen. Schade nur, dass die wirklich großen Momente der intensiven Oper dadurch einfach gestört sind. Denn wenn Manon eigentlich in den Armen ihres Liebsten stirbt und sie ein bewegendes Duett singen sollten, ist es jetzt der stumme Herr Puccini, der bei ihr ist. Dadurch erreichen die berührendsten Momente der Oper bestenfalls konzertante Qualität. Kaum zu glauben, dass Puccini das gefallen hätte.

Die musikalische Qualität des Abends ist hingegen überragend: Christian Thielemann am Pult der Staatskapelle zaubert Großes. Als Manon ist die wunderbare Sopranistin Norma Fantini mit kraftvoller und weicher Stimme zu erleben, die vom Publikum stürmisch gefeiert wird. Auch Lescaut (Christoph Pohl) und Geronte (Maurizio Muraro) konnten überzeugen. Manons studentischer Liebhaber hingegen wird von Thiago Arancam, einem jungen italo-brasilianischem Tenor gegeben, der mit weichem Timbre und seelenvollen Ausdruck berührt. Leider war dies nicht sein Tag. Er wirkte beengt im ersten Akt, in der das Publikum bedauerlicherweise auf den Arien-Kracher „Donna non vidi mai“ wartet. Der sympathische Tenor musste dafür am Ende der Premiere ein Buh-Konzert ertragen. Tragisch.

Alles in allem: Ein absolut sehens- und hörenswerter Opernabend, den man nicht verpassen sollte. Und Thiago Arancam drücken wir die Daumen für die nächste Vorstellung!

Madama Butterfly darf wieder leiden

Kein Zweifel: Giacomo Puccini liebte es, die Heldinnen seiner Opern zu quälen. Allen natürlich voran die schöne japanische Geisha Cio-Cio-San genannt „Butterfly“. Das Werk „Madama Butterfly“ lebt von hinreißend schönen Arien und der dramatischen Leidensgeschichte der Heldin.

Jetzt kommt die berühmte Liebestragödie „Madama Butterfly“ in der Inszenierung von Annette Jahns ab Freitag, den 30. November wieder auf die Bühne der Semperoper.

Marjorie Owens singt dabei ihr Debüt als Geisha Cio-Cio-San. Ebenfalls ihre Rollendebüts geben Tichina Vaughn als Dienerin Suzuki, Giorgio Berrugi als Marineleutnant Pinkerton, Christoph Pohl als Konsul Sharpless, Ilhun Jung als Fürst Yamadori sowie Peter Lobert als Kommissar. Die Aufführungsserie dirigiert Henrik Nánási, der Generalmusikdirektor der Komischen Oper Berlin.

Weitere Vorstellungen finden am 9., 12. und 16. Dezember sowie am 2. Januar 2013 statt.

Gefeiertes Biest in der Semperoper

Tanzende Teller, singende Teekannen und hüpfende Kernzenleuchter, wunderschöne Melodien und mitreißende Chöre, schillernde Kostüme, aufwändige Bühnenbilder und eine zauberhafte Geschichte – sie machen Disneys „Die Schöne und das Biest“ zu einem hinreißenden Musicalerlebnis für alle Sinne. In Dresden überzeugte die Premiere und riss das Publikum zu standing ovations hin.

Die märchenhafte Geschichte der schönen Belle, die sich in das hässliche Biest verliebt und es durch ihre Liebe rettet, ist ein Volksmärchen, das es weltweit  in verschiedenen Versionen gibt.

Die deutschsprachige Inszenierung des renommierten Budapester Operetten- und Musicaltheaters mit über 100 Beteiligten ist ein hinreißendes Märchen-Spektakel auf höchstem Niveau für die ganze Familie.

Noch bis zum 29. Juli, Semperoper, Eintritt: 41,50 bis 83 Euro.

Starke Frauen bei den Musikfestspielen

Gemeinsam mit dem New Yorker Arcos Orchestra brillierte die in Lettland geborene Geigerin Baiba Skride am 31. Mai in der Annenkirche. Baiba musizierte bereits mit Orchestern von Weltrang wie den Berliner Philharmonikern, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem Gewandhausorchester Leipzig, dem London Philharmonic Orchestra und dem Tonhalle Orchester Zürich. Präzise, mit atemberaubender Virtuosität, mitreißender Dynamik und großer Spielfreude begeisterten die jungen Musiker mit ihrer Solistin das Publikum. Gespielt wurde Schostakowitschs achtes Streichquartett, das als Kammersinfonie in einer neuen Fassung von Dirigent John-Edward Kelly erklang. Herzstücke des Abends in der Annenkirche waren zwei Werke der Wiener Klassik für Violine und Orchester, die Mozart und Schubert im Alter von achtzehn Jahren komponiert haben.

Die zweite starke Frau der letzten Woche war Star-Pianistin Hélène Grimaud. Nach ihrem umjubelten Konzert am 1. Juni in der Semperoper, bei dem sie  kraftvoll und ausdrucksstark Liszt, Mozart, Bartók und Berg interpretierte,  wurde die Ausnahmeküsntlerin mit dem Glashütte Original MusikFestspielPreis 2012 ausgezeichnet.

 

Unter Echsen oder Das Märchen vom gefiederten Kaiser

Die Mozart-Oper „La clemenza di Tito“ feierte gestern Premiere in der Semperoper. Großartige Stimmen (allen voran Anke Vondung und  Amanda Majeski) und ein bestens aufgelegtes Orchester (Staatskapelle unter Tomas Netopil) begeisterten das Publikum, dass am Ende sogar musikantenstadlmäßig rhythmisch klatschte.

In der Inszenierung von Bettina Bruinier kamen die Darsteller als Tiere daher: Der Kaiser als Weißkopfadler, der stark an Karl Lagerfeld erinnerte, Vitellia (Amanda Majeski) als sexy Füchsin, Sesto (Anke Vondung) als tapsiger Hund und der Chor als Echsen. Nebenbei fuhr die Regisseurin allerhand Bühnenzauber auf, so dass  nie Langeweile aufkam. Das ist nicht wirklich zwingend, denn die Geschichte ist ein spannendes politisches Ränkespiel und bedarf eigentlich keinerlei Verfremdung und extra Aktion. Wenn man denn eine wirklich gute Inszenierungsidee hat…

Fazit: Mein Geschmack war es nicht, aber ein Ohrenschmaus ist „La clemenza di Tito“ allemal.