Zerrissene Sehnsüchte aus weißem Papier

Eigentlich ist es deprimierend. Bei dem Tschechow-Klassiker „Drei Schwestern“ träumen die drei Offizierstöchter von einem besseren Leben in Moskau – und bewegen sich über drei Stunden lang nicht vom heimatlichen Haus weg. Sie sehnen und träumen, klagen und arbeiten, rauchen, lieben und weinen, verströmen schlechte Laune und gelegentlich aufkeimenden Optimismus. Doch am Schluss bleiben sie, wo sie sind. Desillusioniert. Müde. Dass aus dieser „Null-Handlung“ dennoch ein packendes Drama wird, ist der Verdienst von Regisseur Tilman Köhler, der den Klassiker im Schauspielhaus des Staatsschauspiels Dresden auf die Bühne bringt. Er hat vor allem ein starkes Frauentrio besetzt. Ina Piontek als altjüngferliche Lehrerin Olga mit zupackendem Pragmatismus und Kopfschmerzen, die unglücklich verheiratete Mascha (Yohanna Schwertfeger) und die sehnsuchtsvolle Revoluzzerin Irina (Lea Ruckpaul) tragen das Stück, das insgesamt auch eine hervorragende Ensembleleistung ist. Einreißende Papierwände (Bühnenbild: Karoly Risz, Kostüme: Susanne Uhl) stehen für karge Landschaften und gescheiterte Träume.

Eine Müllhalde aus Papier der unerfüllten Sehnsüchte.

Fazit: Großartiger Theaterabend mit geschliffenen Dialogen und starken Schauspielern.

 

 

Claudia Homberg

 

Wertung:

Regie: 4 Sterne

Ensemble: 4 Sterne

Licht, Kostüme, Bühne: 4 Sterne

Gesamteindruck: 4 Sterne

 

 

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Schuppiger Drache mit geschliffenen Manieren

In der Tat: Dieser Drache ist nicht zu bekämpfen. Seine geschliffenen Umgangsformen einerseits, seine Autorität und seine Grausamkeit andererseits machen es den Menschen schwer, sich gegen ihn zu wehren. Aber der größte Verbündete des Drachen ist die Obrigkeitshörigkeit der Menschen selbst. Jewgeni Schwarz´ „Der Drache“ feierte Premiere im Schauspielhaus.

Als der tapfere Ritter Lancelot (Matthias Luckey) in die Stadt kommt, hört er von einem Kater (agil, katzenhaft und sofort Publikumsliebling: Christian Clauß) die traurige Geschichte des Örtchens. Hier haust seit fast 400 Jahren ein mächtiger und gefährlicher Drache mit drei Köpfen, groß wie eine Kirche, mit einem harten Schuppenpanzer, der regelmäßig einem grausigen Tribut verlangt. Der Drache fordert jedes Jahr eine Jungfrau, die er dann in seine Höhle führt, wo sie vor Ekel stirbt. In diesem Jahr ist es Elsa, die diesen Weg gehen muss. Die Menschen des Städtchens erfüllen ihm Jahr für Jahr diesen furchtbaren Wunsch, lächelnd, ohne sich zu wehren.

Was 1943 als Parabel für die Diktaturen des Nazi-Regimes und Ost-Europas gedacht war, liest sich für uns heute immer noch erschreckend aktuell. Wolfgang Engel inszenierte jetzt für das Schauspielhaus das Märchen vom „Drachen“ und will aufzeigen, dass auch unser System mörderisch und ausbeutend ist. Wenn das Volk es denn zulässt. Und so zeigt er uns hier einen dreiköpfigen Drachen, der mal akkurat geschniegelt als eloquenter Business-Manager erscheint, mal gealtert und grausam, mal lächelnd im Hawaii-Hemd und Sonnenbrille. Tom Quaas verkörpert diesen Drachen grandios, der noch im Sterben triumphieren kann über die „zerfressenen Seelen“, die er hinterlässt.

Ein Theaterabend, der Spaß macht: Ein großartig aufgelegtes Ensemble dominiert die Bühne, die Hendrik Scheel vergleichsweise schlicht ausgestattet hat. Lars Jung als konservativer Archivar, Holger Hübner als durchgeknallter Bürgermeister mit Wendehals – wunderbar! Am Ende ist es Elsa (Ines Marie Westernströer), das Opfer, die als einzige der Beteiligten erkennt, welche Macht es wirklich ist, die die Menschen unterdrückt, beherrscht und gefügig macht: Raffgier, Duckmäusertum und Trägheit in uns allen.

Wolfgang Engel arbeitete sehr schön das allzu Menschliche der Dorfbewohner heraus und hatte mit Tom Quaas die Traumbesetzung für den Drachen gefunden. Dabei wirkte die Inszenierung in sich schlüssig, spektakulär Neues hatte sie allerdings nicht zu bieten. Sehenswert ist der „Drache“ jedoch allemal.

 

Reckless II: Cooles Märchen mit viel Action

Die Welt hinter dem Spiegel ist grausam, geheimnisvoll und gefährlich. Gerade konnte Jacob Reckless seinem Bruder Will das Leben retten, jetzt ist er selbst dem Tode geweiht. Er trägt einen Feenfluch wie ein Tattoo auf seiner Brust und wird sterben, wenn er kein Gegenmittel findet… Regisseurin Sandra Strunz hat Cornelia Funkes Roman-Fortsetzung für das Staatsschauspiel Dresden inszeniert und erntete bei der Premiere langen, herzlichen Applaus und Getrampel.

Kein Wunder: Spannung, Geschwindigkeit, Ideenreichtum, Witz und sagenhafter Theaterzauber zeichnen diese Inszenierung aus. Viele phantastische Wesen tummeln sich hier: Wassermann, Hirschzentauren, Zwerg, Blaubart, Rumpelstilzchen, Matrosen, Goylbastard, König und Prinz.

Fazit: Ein wunderbar spannendes Märchen, nicht nur für kleine Leute ab 8 Jahren. Unbedingt anschauen!

Die ausführliche Kritik lesen Sie in der nächsten Ausgabe der Disy.

http://www.staatsschauspiel-dresden.de 

Jan Plewka singt Rio Reiser

Kurzmitteilung

Er war der „König von Deutschland“ und mutierte vom Polit-Rocker bei „Ton Steine Scherben“ zum romantischen Träumer: Rio Reiser verstarb 1996 mit nur 46 Jahren und ist bis heute Kult. Dem charismatischen, aber auch sehr verletzlichen Sänger widmet sich der norddeutsche Sänger und Schauspieler Jan Plewka. Und wenn er und seine Band Lieder spielen wie „Halt Dich an Deiner Liebe fest“, „Alles Lüge“, „Junimond“ oder „Für immer Dich“, dann geht das unter die Haut. „Wer vor Glück heulen möchte“, schrieb zur Premiere das Hamburger Abendblatt, „muss sich diesen Abend anschauen.“ 19. Januar, 20 Uhr, Schauspielhaus, Eintritt: 10 bis 22 Euro.

Hedda Gabler, ein kaputter Krug und Zauberin Midori

Kulturfreaks hatten ein hartes Wochenende: Premiere von Ibsens „Hedda Gabler“ im Kleinen Haus, Geigenwunder Midori in der Hochschule, Staatskapelle unter Yannick Nézet-Séguin im 5. Symphoniekonzert mit  Messiaen, Prokofjew und Strawinsky und Geigensolistin Janine Jansen und Kleists „Zerbrochener Krug“ im Schauspielhaus. Wem klonen zu aufwendig erschien, musste sich entscheiden: Bei mir fiel die Wahl auf Midori, Hedda Gabler und Kleist.

Gleich vorneweg: das Beste war Midori. Die zarte japanische Geigerin von Weltruf zauberte auf ihrer Guaneri Töne hervor, die nicht von dieser Welt zu sein schienen. Die Frau ist ein Ereignis.

Weniger spannend, dazu im ersten Teil zäh und schleppend kam „Hedda Gabler“ im Kleinen Haus daher. Und zur Provinzposse mit unnötigen Getöse geriet „Der zerbrochene Krug“ unter der Regie von Roger Vontobel im Schauspielhaus.

Die ausführlichen Kritiken erscheinen in der März-Ausgabe der „Disy“ – und dann auch hier.

Schlauer Musketier-Fuchs schlägt finsteren Gothic-Wolf

Im Schauspielhaus hob sich der Premierenvorhang für die Fabel „Reineke Fuchs“ von Johann Wolfgang von Goethe.

In einem tierischen Königreich mit einem Schloss aus Baumstämmen, halten die Tiere Gericht über den Fuchs. Der smarte, listige und skrupellose Fuchs (charmant wie ein Musketier: Sascha Göpel) triumphiert immer wieder über andere Tiere. Sie fallen ihm zum Opfer – aber sie tragen alle durch eigene Schuld oder Dummheit dazu bei. Weiterlesen