„Hätte ich doch, ach…“

Mit der Inszenierung des „Faust“, Nationalheiligtum der Deutschen, geschrieben von Johann Wolfgang von Goethe, kann man sich eigentlich nur in die Nesseln setzen. Insofern hatte Regisseur Linus Tunström leichtes Spiel im Schauspielhaus. Wobei sein Ansatz gar nicht so unspannend ist: Er vierteilt die Figur des Doktor Faust, siedelt die Handlung in den trostlosen Räumen eines Krankenhauses mit fahlem Licht und Lautsprecherdurchsagen an. Zweifellos ein Ort, an dem Leben und Sterben ganz dicht beieinander liegt und wo existenzielle Fragen alltäglich sind.
Hannelore Koch, Peter Pagel, Tom Quaas und Torsten Ranft geben den Sinnsucher Faust, der Mephisto ist zweigeteilt und wird von Rosa Enskat und Jan Maak gespielt. Da spielt sich das pralle Leben ab – es stirbt ein Kind durch die Hand der Mutter (im Original ist es die Mutter Gretchens, die das zeitliche segnet), da taucht ein echter Pudel auf der Bühne auf (wäre auch durchaus verzichtbar gewesen), da fallen die Hüllen, da wird geliebt und gelitten. Das ist spannend gemacht und bietet durchaus neue Einblicke in den bekannten Stoff. So richtig begeistert allerdings hat mich der Auftritt von „Putzfrau“ Gretchen (Christine Hoppe), in deren Spiel sich die Essenz des grandiosen Stoffes zu verdichten scheint.
Fazit: Wer den alten Stoff wirklich anders erleben will und sich bereitwillig auf Neues einlassen mag, ist hier perfekt richtig.

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Ein Fest der Stimmen

Wer auf gesangliche Glanzleistungen steht, auf musikalische Leckerbissen auf höchstem Niveau, der kam bei der Premiere von „Arabella“ in der Semperoper voll auf seine Kosten. Hier hob sich der Vorhang für die Richard-Strauss-Oper unter der Regie von Florentine Klepper. Am Pult der Staatskapelle Christian Thielemann persönlich, der wie kein Zweiter den Sängern den musikalischen „roten Teppich“ ausrollte und den Opernabend zu einem unvergesslichen Erlebnis erhob.
Anja Harteros ist ein Glücksfall in dieser Partie: Ihr mädchenhafter Charme ist gepaart mit großer stimmlicher Ausdruckskraft und einmaliger Bühnenpräsenz – ein Genuss! Ihr zur Seite stand Thomas Hampson als Mandryka. Sein edler Bariton, seine darstellerische Kraft – die beiden waren ein Traumpaar.
Die Inszenierung, ganz ehrlich, reißt mich nicht vom Stuhl. Brav, ohne große Überraschungen, rollt die Zimmerflucht der Hotelsuite von Arabellas Familie (Bühnenbild: Martina Segna) hin und her. Sagen wir so: die Inszenierung störte nicht weiter und unterstützte die Musik und die Handlung, eröffnete jedoch keine neuen Perspektiven auf den Stoff. Konservativere Gemüter sind sicherlich glücklich mit der Regie.
Fazit: in jedem Fall eine Empfehlung – leider steht die Oper in dieser Spielzeit nicht mehr auf dem Plan. Schade eigentlich.

Tödliche Dreiecksgeschichte in Radebeul

König Gustav liebt die Frau seines besten Freundes und stürzt die Geliebte damit ins Unglück. Als die Affäre auffliegt, schwört sein Freund Rache – und der König wird Opfer einer Verschwörung, ganz so, wie es ihm die hellsichtige Ulrica prophezeit hat. Kein Zweifel: Verdis „Maskenball“ gehört zu den mitreißendsten und dramatischsten Werke der Opernliteratur.
An den Landesbühnen Sachsen in Radebeul steht das Stück jetzt auf dem Spielplan, in einer Inszenierung von Sebastian Ritschel.
Kaum jemand kann sich der Dramatik des Werkes entziehen und der mitreißenden Kraft der Musik Verdis.
Die Inszenierung in Radebeul ist ordentlich: der Fokus liegt hier in der Konstellation der komplexen Liebesgeschichte. Das Bühnenbild (Ausstattung: Barbara Blaschke) ist schlicht und modern, lässt Raum für die spannende Handlung. Einiges empfand ich als zuviel, auf dem Galgenberg braucht es nun wirklich keine baumelnde Leiche und auch das schnell wechselnde, farbige Licht mutete eher wie Disko an.
Ein Highlight in Radebeul ist sicher Paul Gukhoe Song, der die Partie des Grafen von Ankarström mit strahlender, kraft- und ausdrucksstarker Stimme gestaltete. Stephanie Krones Sopran lässt in den Höhen etwas Wärme vermissen, Tenor Christian S. Malchow erschien nicht ganz sicher in der Technik. Auch im Orchester lief noch nicht alles rund – vielleicht war es der Premierenaufregung geschuldet.
Sei’s drum: Verdis „Maskenball“ ist immer einen Theaterbesuch Wert und die Radebeuler Inszenierung kann sich durchaus sehen lassen.

Rock´n Roll auf einem Blutfleck

 

„Das Gespenst von Canterville“ im Schauspielhaus

Es ist eine bezaubernde Geschichte, die 1887 aus der Feder des legendären irischen Dandies und Dramatiker Oscar Wilde floss. Im „Gespenst von Canterville“ ist es die amerikanische Familie Otis, die ein Schloss nebst seinem Geist Sir Simon de Canterville erwirbt. Diese Familie ist in jedem Falle pragmatisch und höchst amerikanisch. Ein jahrhundertelalter Blutfleck im Salon beispielsweise wird kurzerhand mit Pinkertons Fleckentferner beseitigt. Die Familie Otis glaubt nicht an Gespenster und versetzt den armen spukenden Sir Simon mit amerikanischer Furchtlosigkeit wiederum in Angst und Schrecken…

Im Staatsschauspiel steht das Stück jetzt unter der Regie von Susanne Lietzow auf der Bühne. Mit wundervoll gruseligem Spukschloss (Bühne: Aurel Lenfert), einem hinreißendem Geist (Ahmad Mesgarha) und einer bezaubernden Tochter Virginia (Nadine Quittner) ist das „Gespenst“ ein großer Spaß für Jung und Alt.

In der öffentlichen Probe kurz vor der Premiere sprang für den erkrankten Justus Pfankuch spontan am Nachmittag André Kaczmarczyk ein, der zwar sein Textbuch noch gelegentlich brauchte, dafür aber – ungeprobt – einen hinreißenden Rock´n Roll auf den Schlossteppich legte, dass das Publikum begeistert jubelte.

Auch sonst glänzt das Ensemble mit Spielfreude und Können: Ein besonderes Highlight sind dabei die „Dienstboten“ Philipp Lux und Sascha Göpel, die mit ihrer „very british“- Attitüde immer wieder für Brüller sorgen.

Fazit: Ein wunderbares Stück zum Träumen, Lachen und Weinen. Genau so sollte gutes Theater sein!

 

 

 

 

Wertung:

Regie: 4 Sterne

Ensemble: 4 Sterne

Licht, Kostüme, Bühne: 4 Sterne

Gesamteindruck: 4 Sterne

 

 

 

Zerrissene Sehnsüchte aus weißem Papier

Eigentlich ist es deprimierend. Bei dem Tschechow-Klassiker „Drei Schwestern“ träumen die drei Offizierstöchter von einem besseren Leben in Moskau – und bewegen sich über drei Stunden lang nicht vom heimatlichen Haus weg. Sie sehnen und träumen, klagen und arbeiten, rauchen, lieben und weinen, verströmen schlechte Laune und gelegentlich aufkeimenden Optimismus. Doch am Schluss bleiben sie, wo sie sind. Desillusioniert. Müde. Dass aus dieser „Null-Handlung“ dennoch ein packendes Drama wird, ist der Verdienst von Regisseur Tilman Köhler, der den Klassiker im Schauspielhaus des Staatsschauspiels Dresden auf die Bühne bringt. Er hat vor allem ein starkes Frauentrio besetzt. Ina Piontek als altjüngferliche Lehrerin Olga mit zupackendem Pragmatismus und Kopfschmerzen, die unglücklich verheiratete Mascha (Yohanna Schwertfeger) und die sehnsuchtsvolle Revoluzzerin Irina (Lea Ruckpaul) tragen das Stück, das insgesamt auch eine hervorragende Ensembleleistung ist. Einreißende Papierwände (Bühnenbild: Karoly Risz, Kostüme: Susanne Uhl) stehen für karge Landschaften und gescheiterte Träume.

Eine Müllhalde aus Papier der unerfüllten Sehnsüchte.

Fazit: Großartiger Theaterabend mit geschliffenen Dialogen und starken Schauspielern.

 

 

Claudia Homberg

 

Wertung:

Regie: 4 Sterne

Ensemble: 4 Sterne

Licht, Kostüme, Bühne: 4 Sterne

Gesamteindruck: 4 Sterne

 

 

Einmal den Traumprinzen küssen

„“If you can dream it, you can do it“ lautet mein persönliches Lieblingszitat des großen Visionärs Walt Disney – „Was Du träumen kannst, kannst Du auch tun“.

Und richtig: Genauso geht es auch den Protagonisten in dem Stück „Träume werden Wirklichkeit! Ein Disneydrama“ von Christian Lollike. Sie sind deprimiert, unkreativ, lustlos, apathisch, genervt. Von allem und am meisten von sich selbst. Sie leiden unter ihrer Sozialisation durch Disney-Filme, in denen es um „Körperideale, niedriges Selbstwertgefühl und Anpassung an die Gesellschaft“ geht. Aber: Sie wollen ausbrechen und beginnen, ihre eigene Geschichte neu zu erfinden, ihr eigenes Disney-Drama zu spielen. Sie schlüpfen in die Rollen von Schneewittchen, Arielle, Dornröschen, Donald Duck, Aladdin oder Obama und können sich plötzlich so richtig austoben.

Unter der Regie von Malte C. Lachmann geben Ines Marie Wetsernströer und Thomas Schumacher auf der Bühne des Kleinen Hauses 3 unterm Dach ihrem Affen Zucker und es ist eine wahre Freude, die beiden spielen zu sehen. Schließlich darf eine glückliche Dame aus dem Publikum sogar den Bühnen-Traumprinzen küssen…

Fazit: Ein wundervolles Juwelchen unterm Dach des Kleinen Hauses, dass dem Publikum eineinhalb Stunden geballte und nachhaltige, intelligente Unterhaltung präsentiert.

 

Wilde Füchsin verführt den braven Förster

Wenn Kinder und Tiere auf der Bühne sind, können die Erwachsenen eigentlich einpacken, heißt es. In der Märchenoper „Das schlaue Füchslein“ von Leoš Janácek sind sowohl eine singende Kinderschar als auch ein echter Fuchs involviert. Doch der amerikanischen Sopranistin Vanessa Goikoetxea kann auch die geballte Niedlichkeit nichts anhaben. Mit bravourösem, expressivem Spiel und einer einmalig schönen Stimme erobert die charismatische Sängerin in der Rolle der schönen Füchsin Schlaukopf sofort ihr Publikum im Sturm. Regisseur Frank Hilbrich erzählt die Geschichte vom braven Förster (Sergei Leiferkus) und der Füchsin vor allem als eine leidenschaftliche „Amor fou“, zum Scheitern verurteilt. Das Bühnenbild (Volker Thiele) ist nüchtern und karg, statt naturnah märchenhaft, wie mancher im Publikum vielleicht erwartet hätte. Auch geht es mitunter recht derb zu, beispielsweise wenn der als Hühnerhaufen auftretende Frauenchor von der Füchsin massakriert wird. Das mindert jedoch nicht die Kraft der Bilder, die durch fantasievolle Kostüme (Gabriele Rupprecht) und das eindrucksvolle Spiel der Protagonisten den Zuschauern in die Köpfe gepflanzt wird. Noch lange nach der Vorstellung hält die Erinnerung an die wilde, schöne Füchsin, der der Förster verfallen ist, an.

Musikalisch ließ die Staatskapelle unter Leitung von Tomáš Netopil manche Wünsche offen – zumindest in der Vorstellung, in der ich anwesend war.

Fazit: Kraftvoll, kurzweilig und griffig: Eine Parabel, die für Erwachsene und an Musiktheater herangeführte Kinder gleichermaßen unterhaltsam ist.