Ach ach – acht Jahre wird getrauert

Foto: Matthias Horn

Foto: Matthias Horn

„Acht Jahre, das ist die Trauerzeit, und solange kommt mir nicht einmal der Wind von der Straße ins Haus. Wie hinter vermauerten Fenstern und Türen werden wir leben. Genauso ging es im Haus meines Vaters und meines Großvaters zu.“ Bernarda Albas Mann ist tot, jetzt wird getrauert. Und die fünf erwachsenen Töchter sollen derweil ihre Aussteuer sticken. Nur Angustias, die Älteste, könnte dem Arrest entkommen, denn sie ist bereits mit Pepe el Romano verlobt. Der ist allerdings nur auf ihr Vermögen scharf und schleicht nachts ums Haus, um Adela, die jüngste Tochter zu treffen. Entgegen aller Verbote begehrt Adela auf und trifft sich heimlich mit Pepe im Stall. Das kann Bernarda Alba nicht dulden. Mit der Flinte in der Hand treibt sie den Eindringling aus dem Haus und Adela in den Selbstmord. Federico Garcia Lorcas letztes Drama „Bernard Albas Haus“ feierte im Dresdner Schauspielhaus unter der Regie von Andreas Kriegenburg eine umjubelte Premiere. Zu Recht: Auch, wenn ich beim Anblick des Bühnenbilds erst Zweifel hegte: Die weißen Stoffbahnen, die den Bühnenraum dominieren, wirken mindestens zu beklemmend wie feste Wände. Hier verstricken, verfangen, verwinden, verknoten sich die Protagonisten bis ins Äußerste. Und das Ensemble spielt sich die Seele aus dem Leib. Allen voran Rosa Einskat als schmallippige, strenge, würdevolle Bernard Alba. Ebenfalls grandios: Nele Rosetz als  vorlaute Magd La Poncia, die „Töchter“ Antje Trautmann, Sonja Beißwenger, Ina Piontek, Nina Gummich und Maike Schroeter und Barbara Teuber als Bernards Mutter. Drei Stunden packendes, beklemmendes, mitreißendes Theater ohne eine Sekunde Langeweile und Bilder, die nicht aus dem Kopf gehen wollen: So liebe ich Theater!

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Rock´n Roll auf einem Blutfleck

 

„Das Gespenst von Canterville“ im Schauspielhaus

Es ist eine bezaubernde Geschichte, die 1887 aus der Feder des legendären irischen Dandies und Dramatiker Oscar Wilde floss. Im „Gespenst von Canterville“ ist es die amerikanische Familie Otis, die ein Schloss nebst seinem Geist Sir Simon de Canterville erwirbt. Diese Familie ist in jedem Falle pragmatisch und höchst amerikanisch. Ein jahrhundertelalter Blutfleck im Salon beispielsweise wird kurzerhand mit Pinkertons Fleckentferner beseitigt. Die Familie Otis glaubt nicht an Gespenster und versetzt den armen spukenden Sir Simon mit amerikanischer Furchtlosigkeit wiederum in Angst und Schrecken…

Im Staatsschauspiel steht das Stück jetzt unter der Regie von Susanne Lietzow auf der Bühne. Mit wundervoll gruseligem Spukschloss (Bühne: Aurel Lenfert), einem hinreißendem Geist (Ahmad Mesgarha) und einer bezaubernden Tochter Virginia (Nadine Quittner) ist das „Gespenst“ ein großer Spaß für Jung und Alt.

In der öffentlichen Probe kurz vor der Premiere sprang für den erkrankten Justus Pfankuch spontan am Nachmittag André Kaczmarczyk ein, der zwar sein Textbuch noch gelegentlich brauchte, dafür aber – ungeprobt – einen hinreißenden Rock´n Roll auf den Schlossteppich legte, dass das Publikum begeistert jubelte.

Auch sonst glänzt das Ensemble mit Spielfreude und Können: Ein besonderes Highlight sind dabei die „Dienstboten“ Philipp Lux und Sascha Göpel, die mit ihrer „very british“- Attitüde immer wieder für Brüller sorgen.

Fazit: Ein wunderbares Stück zum Träumen, Lachen und Weinen. Genau so sollte gutes Theater sein!

 

 

 

 

Wertung:

Regie: 4 Sterne

Ensemble: 4 Sterne

Licht, Kostüme, Bühne: 4 Sterne

Gesamteindruck: 4 Sterne

 

 

 

Zerrissene Sehnsüchte aus weißem Papier

Eigentlich ist es deprimierend. Bei dem Tschechow-Klassiker „Drei Schwestern“ träumen die drei Offizierstöchter von einem besseren Leben in Moskau – und bewegen sich über drei Stunden lang nicht vom heimatlichen Haus weg. Sie sehnen und träumen, klagen und arbeiten, rauchen, lieben und weinen, verströmen schlechte Laune und gelegentlich aufkeimenden Optimismus. Doch am Schluss bleiben sie, wo sie sind. Desillusioniert. Müde. Dass aus dieser „Null-Handlung“ dennoch ein packendes Drama wird, ist der Verdienst von Regisseur Tilman Köhler, der den Klassiker im Schauspielhaus des Staatsschauspiels Dresden auf die Bühne bringt. Er hat vor allem ein starkes Frauentrio besetzt. Ina Piontek als altjüngferliche Lehrerin Olga mit zupackendem Pragmatismus und Kopfschmerzen, die unglücklich verheiratete Mascha (Yohanna Schwertfeger) und die sehnsuchtsvolle Revoluzzerin Irina (Lea Ruckpaul) tragen das Stück, das insgesamt auch eine hervorragende Ensembleleistung ist. Einreißende Papierwände (Bühnenbild: Karoly Risz, Kostüme: Susanne Uhl) stehen für karge Landschaften und gescheiterte Träume.

Eine Müllhalde aus Papier der unerfüllten Sehnsüchte.

Fazit: Großartiger Theaterabend mit geschliffenen Dialogen und starken Schauspielern.

 

 

Claudia Homberg

 

Wertung:

Regie: 4 Sterne

Ensemble: 4 Sterne

Licht, Kostüme, Bühne: 4 Sterne

Gesamteindruck: 4 Sterne

 

 

Einmal den Traumprinzen küssen

„“If you can dream it, you can do it“ lautet mein persönliches Lieblingszitat des großen Visionärs Walt Disney – „Was Du träumen kannst, kannst Du auch tun“.

Und richtig: Genauso geht es auch den Protagonisten in dem Stück „Träume werden Wirklichkeit! Ein Disneydrama“ von Christian Lollike. Sie sind deprimiert, unkreativ, lustlos, apathisch, genervt. Von allem und am meisten von sich selbst. Sie leiden unter ihrer Sozialisation durch Disney-Filme, in denen es um „Körperideale, niedriges Selbstwertgefühl und Anpassung an die Gesellschaft“ geht. Aber: Sie wollen ausbrechen und beginnen, ihre eigene Geschichte neu zu erfinden, ihr eigenes Disney-Drama zu spielen. Sie schlüpfen in die Rollen von Schneewittchen, Arielle, Dornröschen, Donald Duck, Aladdin oder Obama und können sich plötzlich so richtig austoben.

Unter der Regie von Malte C. Lachmann geben Ines Marie Wetsernströer und Thomas Schumacher auf der Bühne des Kleinen Hauses 3 unterm Dach ihrem Affen Zucker und es ist eine wahre Freude, die beiden spielen zu sehen. Schließlich darf eine glückliche Dame aus dem Publikum sogar den Bühnen-Traumprinzen küssen…

Fazit: Ein wundervolles Juwelchen unterm Dach des Kleinen Hauses, dass dem Publikum eineinhalb Stunden geballte und nachhaltige, intelligente Unterhaltung präsentiert.

 

Wilde Füchsin verführt den braven Förster

Wenn Kinder und Tiere auf der Bühne sind, können die Erwachsenen eigentlich einpacken, heißt es. In der Märchenoper „Das schlaue Füchslein“ von Leoš Janácek sind sowohl eine singende Kinderschar als auch ein echter Fuchs involviert. Doch der amerikanischen Sopranistin Vanessa Goikoetxea kann auch die geballte Niedlichkeit nichts anhaben. Mit bravourösem, expressivem Spiel und einer einmalig schönen Stimme erobert die charismatische Sängerin in der Rolle der schönen Füchsin Schlaukopf sofort ihr Publikum im Sturm. Regisseur Frank Hilbrich erzählt die Geschichte vom braven Förster (Sergei Leiferkus) und der Füchsin vor allem als eine leidenschaftliche „Amor fou“, zum Scheitern verurteilt. Das Bühnenbild (Volker Thiele) ist nüchtern und karg, statt naturnah märchenhaft, wie mancher im Publikum vielleicht erwartet hätte. Auch geht es mitunter recht derb zu, beispielsweise wenn der als Hühnerhaufen auftretende Frauenchor von der Füchsin massakriert wird. Das mindert jedoch nicht die Kraft der Bilder, die durch fantasievolle Kostüme (Gabriele Rupprecht) und das eindrucksvolle Spiel der Protagonisten den Zuschauern in die Köpfe gepflanzt wird. Noch lange nach der Vorstellung hält die Erinnerung an die wilde, schöne Füchsin, der der Förster verfallen ist, an.

Musikalisch ließ die Staatskapelle unter Leitung von Tomáš Netopil manche Wünsche offen – zumindest in der Vorstellung, in der ich anwesend war.

Fazit: Kraftvoll, kurzweilig und griffig: Eine Parabel, die für Erwachsene und an Musiktheater herangeführte Kinder gleichermaßen unterhaltsam ist.

Gemetzel in der guten Stube

Eine intelligente, bitterböse, spitzfindige und wortwitzige Gesellschaftskomödie erobert Deutschlands Bühnen: Die Franzosen Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patelliere, als Drehbuchautoren seit vielen Jahren ein erfolgreiches Gespann, legten mit „Der Vorname“ ihr erstes Theaterstück vor und sorgten damit für den größten Presse- und Publikumserfolg der Pariser Spielzeit 2010/11. Atemberaubend schnell eroberte diese Komödie die Welt und wird zur Zeit in mehr als 15 Ländern gespielt.

Auch an den Landesbühnen in Radebeul feierte „Der Vorname“ Premiere. Die Story: Es soll ein gemütlicher Abend in der eleganten Wohnung des Literaturprofessors Pierre Garaud und seiner Ehefrau Elisabeth, genannt „Babou“ werden. Nur Freunde und Familie sind zu Gast: Elisabeths Bruder Vincent mit seiner schwangeren Frau Anna, dazu Claude Gatignol, Posaunist und Freund seit Kindertagen. Für Vincent, einen begnadeten Selbstdarsteller, ist die Runde zu friedlich. Um für „Stimmung“ zu sorgen, enthüllt er den fassungslosen Freunden den geplanten Vornamen seines noch ungeborenen Sohnes: Adolphe. Die Debatte um die Frage, ob man sein Kind nach Hitler benennen darf, ist nur der Anfang einer hitzigen Diskussion, bei der das gemütliche Familientreffen vollkommen aus dem Ruder läuft…Dietrich Kunze inszenierte das Werk in Radebeul, die Ausstattung besorgte Stefan Weil. Gutgelaunt und spielfreudig darf das Ensemble hier seinem Affen Zucker geben: Sophie Lüpfert, Michael Berndt, René Geisler, Grian Duesberg und Julia Rani sind ein wunderbares Quintett. Publikumsliebling ist schnell Michael Berndt als zerstreuter Professor, der so ziemlich alle Klischees erfüllt. Fazit: Eine sehenswerte, gewitzte Konversationskomödie, die großen Spaß macht!

 

 

 

Shakespeare als böse Nazi-Posse

Ein Verwirrspiel, eine Komödie, eine beißende Groteske ist Shakespeares „Was ihr wollt“ von 1601. Unter der Regie des preisgekrönten Theatermannes Andreas Kriegenburg ging das Stück jetzt am Staatsschauspiel Dresden über die Bühne des Schauspielhauses. Gleich vorweg: Es wäre klarer gewesen, im Programmheft hätte „….nach William Shakespeare“ gestanden und und nicht „von“. Wer auf  den Originaltext wartete, kam kaum auf seine Kosten. Sehr frei wird mit dem Urtext umgegangen, was per se kein Makel ist. Als bitterböse Nazi-Posse entpuppt sich alsbald das Spiel um Verkleidungen, Intrigen und Liebe.

Während die Zuschauer sich im ersten Teil noch über eine amüsante und flotte Shakespeare-Show mit vielen gelungenen Gags und einem überaus gut aufgelegten Ensemble freuen konnten, blieb ihnen jedoch spätestens nach der Pause das Lachen im Hals stecken. Denn da schockten Folterszenen und Blut auf der Bühne die Zuschauer. Klar kann man die Akteure in feuerrote Naziuniformen stecken und sie der Lächerlichkeit preisgeben durch ihre hohlen Parolen. Aber uniforme Kostüme ohne direkten Bezug hätten es auch getan. Und ehrlich: ich möchte in einer Shakespeare-Komödie nicht sehen, dass ein Mensch angebunden auf einem Stuhl geschlagen wird, bis das Blut spritzt.

Fazit: Ein Stück, dass für Gesprächsstoff sorgt. Und das ist allemal beachtenswert.