Brel an den Landesbühnen: Walzer im Tauesendvierteltakt

Die Chansons von Jacques Brel haben es dem portugiesischen Chefchoreograph der Landesbühnen Sachsen angetan: jetzt widmete Carlos Matos mit dem Programm „Brel“ dem belgischen Sänger und Schauspieler einen Tanzabend, der die Zuschauer bei der Premiere begeisterte. Brel gilt als wichtigster Repräsentant des französischen Chansons. Ein Zitat im Programmheft macht die Intention des Abends klar: „Was im Leben zählt, ist die Intensität des Lebens, nicht seine Dauer.“
Die Szenerie ist schlicht: In einem Tanzpalast treffen sie aufeinander, die Paare und Singles mit ihren Sehnsüchten, Zwängen und Träumen. In kurzen Sequenzen, zu der wundervoll melancholischen und trotzdem lebensprühenden Musik (zum Beispiel „Ne me quitte pas“ oder „La Valse a mille temps“, übersetzt: „Walzer im Tausendvierteltakt“), „von Brel ergeben sich kleine Szenen voll starker Emotionen. Der Wirbelwind und der behäbige Freund, der trauernde junge Mann, die zickige Freundin, die Männer am Stammtisch. Gekonnt werden die Inhalte der dichten Chansons zu Bildern vertanzt, die berührend und mitreißend zugleich sind. Matos gelingt es virtuos, einen Abend zu kreieren, der „très französisch“ ist. Voller Esprit, Melancholie und Nostalgie. Allein die wundervoll müden Farben und Schnitte der Kostüme (Annett Hunger) erinnern an alte Filme und entführen in die 50er und 60er Jahre. Das Bühnenbild (Stefan Wiel) ist wunderbar schlicht und wandelbar. Es gibt dankenswerterweise keine Deko, alles wird als Requisite benutzt: Tische, Stühle und Spiegel werden zu immer neuen Bühnenräumen arrangiert.
Matos‘ choreografische Handschrift ist ausgereift, ein hervorragend aufgelegtes Ballettensemble setzt die Ideen ganz trefflich um. Für meinen Geschmack hätte Matos vielleicht ein bisschen kürzen können. Zwar kommt an keiner Stelle Langeweile auf, aber eine Straffung hatte die Intensität des Abends vielleicht noch verstärkt.
Fazit: Alles in allem ein Ballettabend, der sich sehen lassen kann. Intensiv und berührend.

Advertisements

Gemetzel in der guten Stube

Eine intelligente, bitterböse, spitzfindige und wortwitzige Gesellschaftskomödie erobert Deutschlands Bühnen: Die Franzosen Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patelliere, als Drehbuchautoren seit vielen Jahren ein erfolgreiches Gespann, legten mit „Der Vorname“ ihr erstes Theaterstück vor und sorgten damit für den größten Presse- und Publikumserfolg der Pariser Spielzeit 2010/11. Atemberaubend schnell eroberte diese Komödie die Welt und wird zur Zeit in mehr als 15 Ländern gespielt.

Auch an den Landesbühnen in Radebeul feierte „Der Vorname“ Premiere. Die Story: Es soll ein gemütlicher Abend in der eleganten Wohnung des Literaturprofessors Pierre Garaud und seiner Ehefrau Elisabeth, genannt „Babou“ werden. Nur Freunde und Familie sind zu Gast: Elisabeths Bruder Vincent mit seiner schwangeren Frau Anna, dazu Claude Gatignol, Posaunist und Freund seit Kindertagen. Für Vincent, einen begnadeten Selbstdarsteller, ist die Runde zu friedlich. Um für „Stimmung“ zu sorgen, enthüllt er den fassungslosen Freunden den geplanten Vornamen seines noch ungeborenen Sohnes: Adolphe. Die Debatte um die Frage, ob man sein Kind nach Hitler benennen darf, ist nur der Anfang einer hitzigen Diskussion, bei der das gemütliche Familientreffen vollkommen aus dem Ruder läuft…Dietrich Kunze inszenierte das Werk in Radebeul, die Ausstattung besorgte Stefan Weil. Gutgelaunt und spielfreudig darf das Ensemble hier seinem Affen Zucker geben: Sophie Lüpfert, Michael Berndt, René Geisler, Grian Duesberg und Julia Rani sind ein wunderbares Quintett. Publikumsliebling ist schnell Michael Berndt als zerstreuter Professor, der so ziemlich alle Klischees erfüllt. Fazit: Eine sehenswerte, gewitzte Konversationskomödie, die großen Spaß macht!