Von Sperber und Luchs

Mein Held ist spröde. Kein Mann fürs Familienalbum. Ein Einzelgänger. Melancholisch, eigensinnig, menschenscheu. Sperber, so nennt ihn die Autorin, hat alles verloren. Job, Frau und Kind und zuletzt seine Haare. In einem bretonischen Städtchen scheint er nur noch auf das Ende zu warten. Er gibt sich seinen zwanghaften Ticks hin. Einsam, allein. Und doch: Es ist so eine Sehnsucht nach Lebendigkeit in ihm, so eine Ahnung von Leben. Am Kai stehend wird er plötzlich von einer wildfremden Frau geküsst. Die Autorin nennt sie Luchs. Er ist wütend und doch entbrennt er sogleich lichterloh für die Fremde. Findet sie unverschämt – und muss sie doch wiedersehen. Mürrisch und wutschnaubend begibt er sich auf die Suche nach dieser Frau.

Und was jetzt beginnt, ist eine zauberhafte, intensive Liebesgeschichte, die ich so in der Art noch nicht vorher gelesen habe. Die Bilder bleiben zwar distanziert. Und doch sind diese Szenen von sexueller Gier, von der Lust nach der Haut des anderen, dieses Einswerden der Körper und der Seelen und die Befreiung vom Gestern und vom Morgen so kunstvoll beschrieben, dass es eine wahre Lesefreude ist.

„Ich bin jetzt stärker als ein Engel“, sagt Sperber zu einer alten Frau neben sich im Bus.

Später, bei dem Satz „Jetzt kann nichts – nichts Schlimmes – mehr geschehen“ ahnt der Leser – es kann. Und es wird. Aber ich werde nicht vorgreifen auf diese wundervolle Geschichte…

Anne Weber: „Das Tal der Herrlichkeiten“, S. Fischer Verlag.

 

 

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Manhattan liegt an der Elbe

Ich gebe es zu: „West Side Story“ war die erste Langspielplatte (ja, so etwas gab es mal in jedem Haushalt…), die aus dem Plattenschrank meiner Eltern auf Nimmerwiedersehen in meinem Kinderzimmer verschwand. Meine Freundin Monika und ich kannten alle Texte auswendig, tanzten dabei wie wild durchs Zimmer, sangen in selbstgebaute Mikrofone und träumten davon, so hinreißend romantisch schön zu sein wie Maria. Oder wenigstens so feurig wie Anita. Ok, wir hatten weder schwarze Locken noch tiefdunkle braune Augen. Irgendwann verstanden wir, dass wir niemals temperamentvolle Puertoricanerinnen sein könnten. Aber vielleicht eine Musical-Karriere, das wäre doch was gewesen. Naja, aber mit dem Singen war es auch nicht so dolle und, nunja, das Leben hielt dann andere, vordringlichere Aufgaben für uns bereit. Es ist, wie es ist.

Und so begab es sich, dass ich erst rund drei Jahrzehnte später die Helden meiner Kindheit wieder traf. Auf der Bühne der Semperoper. Mit der Premiere des Musical-Klassikers „West Side Story“ von Leonard Bernstein begann das Opernhaus seine Sommersaison. Ehrensache, dass ich alle Texte kannte und mich deshalb sehr beherrschen musste, nicht mitzusingen.

Die Story spielt in Manhattan, wo die Einwanderer aus Puerto Rico auf die „weißen Amis“ treffen und sich heftige Straßenschlachten liefern. Vorurteile, Angst und Intoleranz bestimmen die Gräben, die sich zwischen den zwei rivalisierenden Gangs, den „Jets“ und den „Sharks“ auftun.
Mitreißende Tanzszenen des durchweg erstklassigen Ensembles begeisterten die Zuschauer. Die Inszenierung von Joey McKneely erzählt mit viel Tempo, Dynamik und Einfühlungsvermögen die Liebesgeschichte von Maria (Elena Sancho Pereg) und Tony (Liam Tobin). Die zwei gehören verschiedenen Gangs an, die sich bekämpfen. Und so sehr sich beide auch bemühen, geraten sie zwischen die Fronten. Eine Tragödie, die tödlich endet.
Eine hinreißende Maria mit viel Stimme und ein sehr hübscher Tony, dessen Stimme jedoch etwas beengt erschien, sorgten für Sympathie beim Publikum. Ehrlich gesagt, mir gefiel Anita am besten. Ihre Tanzeinlagen waren grandios und die Stimme bewegend.
So furios das Ensemble mit sprühender Lebensfreude auch sang und tanzte, die eigentlichen Lorbeeren gebühren den Musicalmachern Leonard Bernstein und Jerome Robbins. Der Stoff ist einfach immer noch brandaktuell und die Choreografien absolut heutig.
Das Orchester unter der Leitung von Donald Chan spielte die wunderbare Musik mit viel Elan und dem entsprechend jazzigen Feeling.
Alles in allem ein gelungener Abend und ein toller Auftakt für die Sommersaison. Auf dem Rückweg im Auto konnte ich dann endlich die unvergessenen Melodien hemmungslos singen. Gut, dass mich niemand gehört hat….
An der Semperoper Dresden wird das Stück bis bis zum 4. August gezeigt.

Singsoldat mit Seele

Seit mehr als 15 Jahren begeistert der gebürtige Mannheimer Xavier Naidoo mit indisch-südafrikanisch-irischen Wurzeln die Musikfans mit seiner unverwechselbaren Stimme. Sein Sound aus Soul, R & B und Pop, seine teils religiösen Texte und seine perfekten musikalischen Arrangements machen seinen Stil unverwechselbar. Neben seiner Solokarriere ist Xavier Naidoo Gründungsmitglied der „Söhne Mannheims“, sowie Mitinitiator und Dozent an der Mannheimer Popakademie. Erneut kommt der „Singsoldat“ ans Elbufer: Gemeinsam mit seinem Quartett, bestehend aus Robbee Mariano (Bass), Neil Palmer (Keyboard/Piano), Alex Auer (Gitarre) und Ralf Gustke (Schlagzeug), wird Xavier Naidoo vor der einmaligen Altstadt-Kulisse eine Auswahl der Song-Highlights seiner Karriere präsentieren und dabei wieder eine besondere Atmosphäre schaffen.

13. Juli, 19.30 Uhr, Filmnächte am Elbufer, Königsufer, Eintritt: 50,50 Euro.

 

Prickelnde Perlen vom Semperoper Ballett

Die besten und berührendsten Ausschnitte aus den Choreografien des Semperoper Ballett kamen in einer festlichen Ballettgala jetzt auf die Bühne des Hauses. Die Zuschauer in der ausverkauften Oper genossen die Gala aus den eindrucksvollsten Pas de deux und Ensemblestücken. Ob ganz klassisch von George Balanchine („Diamanten“, „Coppélia“) oder Marius Petipa (von Aaron Watkin „entstaubt“) oder modern von Davis Dawson, William Forsythe und Stijn Celis – für jeden war etwas dabei. Besonders habe ich mich über das Wiedersehen mit „Romeo & Julia“ gefreut sowie über den atemberaubenden „Stuhltanz“ der Montagues und Capulets aus dem gleichnamigen Werk. Auch Forsythes Werke waren mitreißend („Herman Schmerman“) und Dawson schuf mit seinem „Opus.11“ ein Stück, was Lust auf mehr macht. Irgendwann allerdings war die Begeisterungsfähigkeit des Publikums sichtlich ausgereizt, was jedoch keinesfalls an den beeindruckenden Leistungen der Tänzerinnen und Tänzer lag, vielmehr an dem Zuviel an hochkarätigen Stücken. Eine kleine Straffung hätte dem Abend sicher gut getan. Trotzdem: Spitzenleistungen, Anmut und Eleganz hoch zehn und ein erschöpftes, aber glückliches Publikum.

Von Schleimern und Schelmen

Unglaublich: Dieser Typ schleimt sich bei allen ein. Ob Minister, Fräulein Tochter, Mutti oder braver Beamte, alle werden von ihm und seinen Machenschaften getäuscht. Aalglatt, sich windend, lächelnd bis zum Exzess schmiert sich Selicour durchs Arbeitsleben und glitscht fast auf seiner eigenen Schleimspur aus. Solchen Typen ist jeder von uns schon einmal begegnet. Im Schauspielhaus feierte „Der Parasit oder Die Kunst sein Glück zu machen“ Premiere. Ein begeistertes Publikum spendete jubelnd Szenenapplaus, amüsierte sich aufs Prächtigste und klatschte begeistert Beifall für eine Spitzenleistung an Schauspielkunst und geschliffener Regieführung.

Eine Inszenierung, wie ich sie liebe: In sparsamer Kulisse (Bühne: Olaf Altmann) inszeniert Stefan Bachmann das stets aktuelle Schillersche Lustspiel. Zwei Drehbühnen, wie Drehtüren nebeneinander, bestimmen die Szenerie. Sie drehen sich immer wieder und geben den Blick ganz frei auf die Charaktere, die fein herausgearbeitet sind. Ein Lustspiel, das diesen Namen zu Recht trägt. Keine Posse, kein Reißer, kein Klamauk, sondern die pure Lust am Spiel, an detailliert herausgearbeiteten Posen, an punktgenauer Choreografie.

Ahmad Mesgarha gibt den Parasiten Selicour, der sich mit fremden Federn schmückt, mit allen auf glattem Parkett ein Tänzchen vollführt und schmierig und schleimig sich an der Karriereleiter nach oben windet. Hinreißend eklig, dieser Selicour! Er ist so dermaßen überzeugend, dass selbst das Publikum von ihm eingewickelt wird und ihm bei seiner Demaskierung zum Schluss am liebsten die eigene Jacke überwerfen möchte, damit der arme Kerl nicht nackt durchs Publikum marschieren muss. Aber er muss, so schreibt es die Regie vor und das Publikum leidet mit diesem charmanten Widerling von Selicour auch noch mit.

Sein „Gegenspieler“ ist La Roche (Torsten Ranft), der sich fortwährend puterrot ob der Ungerechtigkeit ereifert und in seinem Hass und seiner Leidenschaft einfach nur ein super liebenswertes Rumpelstilzchen ist. Bravo!

Überhaupt sind alle Rollen liebenswerte Karikaturen von Typen, wie wir sie alle aus dem Arbeitsleben kennen: Der harmoniesüchtige, trottelig-gutmütige MInister (Philipp Lux), die ehrgeizige Ministermutti (Hannelore Koch), das verträumte Töchterchen (Ines Marie Westernströer), der klapprig-devote Kammerdiener (Christian Clauß), der seriöse Beamte Firmin  (Lars Jung), dessen romantischer Sohn (Matthias Luckey) und der trampelige Bauer (Benjamin Höppner). Die Inszenierung strotzt vor spritzigen Ideen, ohne, dass es zu viel, zu platt oder zu plump wird.

Eine hinreißende Satire über Mobbing, Karrieristen, Schleimer und Schelme im Intrigantenstadl der Arbeitswelt. Unbedingt ansehen!