Abnorme Störung der Impulskontrolle

Noch bis zum 29. April lockt die 22. Tanzwoche Dresden mit spannenden Produktionen alle Tanzbegeisterten zu verschiedenen Spielorten der Stadt.

Was ich nicht verpassen möchte ist das Stück mit dem zauberhaften Titel „F 63.9.“ Diese Buchstaben-Zahlen-Kombi ist der Schlüsselcode für „Liebe“ im Krankheitsregister der WHO. „Liebe“ wird darin unter dem Punkt „Abnorme Gewohnheit und Störung der Impulskontrolle, nicht näher bezeichnet“ als behandlungsbedürftige Krankheit eingestuft. Ein wunderbarer Ansatz für ein Tanztheater, fand das „temporaere theater berlin“ und schuf ein Stück mit dem Titel „F 63.9“. 27. April, 20 Uhr, Societaetstheater, An der Dreikönigskirche 1 a, Eintritt: 14, erm. 10 Euro.

Ebenfalls ein Tipp: Die Tanzkomiker von „Veselé skoky“ aus Prag bearbeiten das Musical „A chorus line“ auf ihre ganz eigene Art. 26. und 27. April, jeweils 21 Uhr, projekttheater dresden, Eintritt: 13, er. 10 Euro.

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Schuppiger Drache mit geschliffenen Manieren

In der Tat: Dieser Drache ist nicht zu bekämpfen. Seine geschliffenen Umgangsformen einerseits, seine Autorität und seine Grausamkeit andererseits machen es den Menschen schwer, sich gegen ihn zu wehren. Aber der größte Verbündete des Drachen ist die Obrigkeitshörigkeit der Menschen selbst. Jewgeni Schwarz´ „Der Drache“ feierte Premiere im Schauspielhaus.

Als der tapfere Ritter Lancelot (Matthias Luckey) in die Stadt kommt, hört er von einem Kater (agil, katzenhaft und sofort Publikumsliebling: Christian Clauß) die traurige Geschichte des Örtchens. Hier haust seit fast 400 Jahren ein mächtiger und gefährlicher Drache mit drei Köpfen, groß wie eine Kirche, mit einem harten Schuppenpanzer, der regelmäßig einem grausigen Tribut verlangt. Der Drache fordert jedes Jahr eine Jungfrau, die er dann in seine Höhle führt, wo sie vor Ekel stirbt. In diesem Jahr ist es Elsa, die diesen Weg gehen muss. Die Menschen des Städtchens erfüllen ihm Jahr für Jahr diesen furchtbaren Wunsch, lächelnd, ohne sich zu wehren.

Was 1943 als Parabel für die Diktaturen des Nazi-Regimes und Ost-Europas gedacht war, liest sich für uns heute immer noch erschreckend aktuell. Wolfgang Engel inszenierte jetzt für das Schauspielhaus das Märchen vom „Drachen“ und will aufzeigen, dass auch unser System mörderisch und ausbeutend ist. Wenn das Volk es denn zulässt. Und so zeigt er uns hier einen dreiköpfigen Drachen, der mal akkurat geschniegelt als eloquenter Business-Manager erscheint, mal gealtert und grausam, mal lächelnd im Hawaii-Hemd und Sonnenbrille. Tom Quaas verkörpert diesen Drachen grandios, der noch im Sterben triumphieren kann über die „zerfressenen Seelen“, die er hinterlässt.

Ein Theaterabend, der Spaß macht: Ein großartig aufgelegtes Ensemble dominiert die Bühne, die Hendrik Scheel vergleichsweise schlicht ausgestattet hat. Lars Jung als konservativer Archivar, Holger Hübner als durchgeknallter Bürgermeister mit Wendehals – wunderbar! Am Ende ist es Elsa (Ines Marie Westernströer), das Opfer, die als einzige der Beteiligten erkennt, welche Macht es wirklich ist, die die Menschen unterdrückt, beherrscht und gefügig macht: Raffgier, Duckmäusertum und Trägheit in uns allen.

Wolfgang Engel arbeitete sehr schön das allzu Menschliche der Dorfbewohner heraus und hatte mit Tom Quaas die Traumbesetzung für den Drachen gefunden. Dabei wirkte die Inszenierung in sich schlüssig, spektakulär Neues hatte sie allerdings nicht zu bieten. Sehenswert ist der „Drache“ jedoch allemal.

 

Vom endlosem Winter und der Affäre mit einer Skulptur

Um das Elend nicht mehr mit ansehen zu müssen hilft nur noch, nicht mehr aus dem Fenster zu sehen. Ich flüchte in Museen, Konzerthallen und Theater. Hab ich mir jedenfalls vorgenommen. Oder ich bleibe einfach im Bett….

Entscheiden kann ich an diesem Wochenende zwischen David Munyon und dem Kleinen Haus:

„Fast ganz nah“ ist ein Stück von Pamela Carter über den Krieg in Afghanistan.

Es geht um die Bildhauerin Louise, die an einer Skulptur arbeitet. Ausgangspunkt ihres künstlerischen Schaffens ist eine Gruppe von Soldaten, die bei einem Anschlag in Afghanistan ums Leben gekommen sind. Kevin sitzt für Louise Modell und sie beginnt eine Affäre mit ihm. Doch dann scheint die Skulptur lebendig zu werden….

Uraufführung am 6. April, 19.30 Uhr, Kleines Haus 2, Glacisstr. 28, Eintritt: 17 Euro.

Zwischen Alabama und Europa pendelt der Amerikaner David Munyon. Der Singer, Songwriter und Gitarrist erzählt mit seiner Stimme und seinem Instrument Geschichten. Seine Melodien sind simpel, wärmen aber sofort das Herz. „Die Songs fließen aus mir heraus,“ verrät er und so klingt es auch. Mit „Purple Cadillac“ und „Water Side Tour“ hat der Poet jetzt zwei neue CDs im Gepäck, die er dem Dresdner Publikum vorstellen will.

7. April, 20 Uhr, Dreikönigskirche, Hauptstr. 23, Eintritt: 14 bis 18 Euro.